KMSK Hannah-Arendt-Institut - Forschung
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Tillichbau der TU Dresden

 

Jugend und Hitlerjugend im Nationalsozialismus

 

Forschungsfeld:  Nationalsozialismus

Bearbeitung / Koordination:  Dr. André Postert

In der historischen Forschung zu den Jugendorganisationen des NS-Staats sind Desiderate und noch z.T. gravierende Aufarbeitungslücken zu konstatieren. Einerseits ist die amtlich-bürokratische Ebene der Reichsjugendführung (RJF) umfänglich erschlossen worden, andererseits aber sind regionalgeschichtliche Arbeiten rar, in denen die praktische Umsetzung der Berliner Konzepte und Erlasse untersucht wurde. Planungen, Ideen und Entwürfe der RJF entsprachen – darauf weisen Zeitzeugen ebenso wie vorliegende regionale Quellen hin – nicht immer der realen Lage der Hitlerjugend (HJ, DJV, BDM, JM) vor Ort. Tatsächlich standen die HJ-Gebietsführer bzw. Gauführerinnen nach 1933 vor zahlreichen organisatorischen Herausforderungen, insbesondere in ländlichen Regionen und speziell katholischen Hochburgen. Der Anspruch der RJF, sämtliche Jungen und Mädchen für die nationalsozialistische „Volksgemeinschaft“ zu gewinnen, war ein Ziel, das in seiner totalitären Dimension bis zum Schluss nicht vollständig eingelöst werden konnte: in manchen Regionen zum Beispiel scheinen die HJ-Strukturen durchaus fragil geblieben zu sein, ein Mangel an Schulungsheimen war ein Dauerproblem, und das Prinzip „Jugend führt Jugend“ trug mutmaßlich nicht immer dazu bei, dass offizielle Vorgaben die Basis auch erreichten.
Die Strategien der RJF, so die zentrale These, können nur durch Rückkopplung mit den HJ-Aktivitäten vor Ort sinnvoll analysiert und bewertet werden. Es gilt, Wechselwirkungen zwischen Führung und Basis, regionale Besonderheiten sowie Differenzen zwischen Stadt und Land zu analysieren. Ziel des Projekts ist es, den totalitären Anspruch der RJF mit den lokalen Realitäten abzugleichen: Präsenz der HJ, Reichweite amtlicher Erlasse, strukturelle Probleme, nicht intendierte Folgeeffekte von Anweisungen, mögliche Freiräume für Jugendliche und repressive Reaktionen des Regimes stehen im Fokus. Ein systematischer Vergleich verschiedener HJ-Gebiete bzw. BDM-Gaue verspricht darüber hinaus weiteren Erkenntnisgewinn. Zu Beginn liegt der Untersuchungsschwerpunkt in Sachsen bzw. im HJ-Gebiet 16 – eine Ausweitung auf weitere Gebiete (u.a. Mittelland und Thüringen) folgt. Eine Kooperation mit dem NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln ermöglicht den Zusammenschluss mit Forschungen zu vier westdeutschen Gebieten (Westfalen, Ruhr-Niederrhein, Düsseldorf und Mittelrhein). Die Zusammenarbeit mit weiteren regionalgeschichtlichen Einrichtungen wird angestrebt. Um organisatorische Aktivitäten und den Einfluss der HJ insbesondere in Kleinstädten und Dörfern aufzudecken, werden – so weit möglich – Zeitzeugen sowie Ego-Dokumente und Nachlass-Materialien eingebunden. Aufrufe in der Lokal- und Regionalpresse werden lanciert. Ziel ist es, die oftmals nur spärlichen Bestände der öffentlichen Archive an sinnvoller Stelle durch Berichte sowie private Aufzeichnungen zu ergänzen. Auf diese Weise wird die bislang gängige Beschränkung der Forschung auf die bürokratische Ebene der RJF aufgebrochen

letzte Änderung: 22.01.2016