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Tillichbau der TU Dresden

 

Geschichte der SS: Herrschaftspraxis zwischen Zentrum und Peripherie.
Zur dynamischen Expansion eines NS-Gewaltapparates

 

Forschungsfeld:  Nationalsozialismus

Bearbeitung / Koordination:  Dr. Jan Erik Schulte

Jan Erik Schulte erarbeitet eine Monographie zur Geschichte der SS. Hiermit wird eine der wichtigsten Forschungslücken der NS-Forschung aufgefüllt. Denn die Schutzstaffel der NSDAP, kurz SS genannt, gehört zu den bekanntesten und einflussreichsten Organisationen des "Dritten Reiches". Sie steht bis heute stellvertretend für die nationalsozialistischen Massenverbrechen, insbesondere den Genozid an den europäischen Juden. Doch trotz der besonderen Bedeutung der SS für die Geschichte des NS-Regimes und des Zweiten Weltkrieges liegt gegenwärtig keine den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Forschung repräsentierende Gesamtdarstellung vor. Die "jüngster" deutschsprachige Monographie stammt aus dem Jahr 1967; eine englischsprachige Studie, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügt, wurde zuletzt 1983 vorgelegt.

Allerdings entstand in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine große Zahl von Detailstudien zu verschiedensten Aspekten der SS, ihres Personals, des Holocaust und der Besatzungsherrschaft. Aufbauend auf diesen Darstellungen wird die neue Monographie die aktuellen Erkenntnisse zur Organisation, Entwicklung, Mentalität, Weltanschauung sowie Herrschafts- und Gewaltpraxis in einem klar gegliederten Überblick integrieren.

Methodisch greift die neue Darstellung auf die kulturgeschichtlich erweiterte neue Politikgeschichte zurück. Neben der Organisations- und Strukturgeschichte wird nach der sozialen Zusammensetzung der SS-Angehörigen zu unterschiedlichen Zeiten, deren Motive und Ideologie und insbesondere nach den Formen gefragt, wie Entscheidungen herbeigeführt und vermittelt wurden. Denn die SS war nur auf dem ersten Blick eine Organisation, die auf Befehl und Gehorsam aufgebaut war. Zumindest die Akteure auf der mittleren und oberen Hierarchieebene hatten zum Teil sehr große Handlungsfreiheit. Da die SS aus vielen Untergruppen bestand, deren Mitglieder sehr unterschiedliche Lebensläufe auswiesen, stellt sich auch die Frage, wie die SS zusammengehalten wurde. Hierbei zeigte sich, dass innerhalb bestimmter Segmente der SS personellen Netzwerke entstanden, deren Angehörige sich gegenseitig förderten.

Gerade der Blick auf die personellen Verflechtungen legt offen, dass die SS keinen "Staat im Staate" bildete, sondern weit gehend in die nationalsozialistische Gesellschaft einbezogen war. Hierzu gehörte auch, dass die Angehörigen der Allgemeinen SS, also der ehrenamtlichen Formation innerhalb der SS, tagsüber ihren gewohnten Berufen nachgingen und nur an bestimmten Tagen in der Woche ihre SS-Uniform angezogen. Insbesondere nach 1933 traten zum Teil aus Karrieregründen zahlreiche Angehörige der gesellschaftlichen Eliten Deutschlands in die SS ein. Hierzu gehörten Beamte, Unternehmer, Künstler, Mediziner, Wissenschaftler und viele mehr.

Direkt auf das Forschungsprojekt bezogen, wurden zwei Tagungen ausgerichtet. Der Sammelband zur ersten der beiden Veranstaltungen, die sich mit der Geschichte der Waffen-SS Beschäftigte, erscheint im Frühjahr 2014. Der Tagungsband, der die Ergebnisse des Workshops zur Nachgeschichte der SS bündeln wird, ist in Vorbereitung.

Ankündigung: 1. April 2014: gemeinsam mit Professor Dr. Michael Wala wird Dr. Jan Erik Schulte vom Hannah-Arendt-Institut in Berlin im Rahmen einer Veranstaltung der Topographie des Terrors den gemeinsam herausgegebenen Band "Widerstand und Auswärtiges Amt. Diplomaten gegen Hitler" vorstellen.

letzte Änderung: 20.04.2015